„Irreparabler Totalschaden. Seit über acht Monaten war ich genau das. Nicht immer ganz und gar, aber zu jeder Zeit, in jeder einzelnen Minute war ich es mindestens ein bisschen. Ich war Maggie, doch genauso war ich mein Humpeln, meine Sprachlosigkeit, meine Wut. Meine Unsicherheit.“ (S. 159)
Diese Worte beschreiben Maggie Forrester und ihr aktuelles Leben, wohl mehr als perfekt. Ein schwerer Unfall lässt sie 72 Sekunden lang dem Tod direkt in Augenblicken, bevor sie in die Welt der Lebenden zurückgeholt wird. Doch von nun an ist nichts mehr wie vorher. Plötzlich ist Maggie jeglicher Normalität, beraubt. Sie muss wieder bei Null anfangen, muss um jedes Bisschen Selbstbestimmung und jedes Fünkchen Vertrauen ihrer Mitmenschen kämpfen. Ihr Körper ist auf einmal gegen sie und Maggie muss sich fortan gegen sich selbst behaupten, jeden Tag aufs Neue.
Wie würdest du reagieren, wenn einem geliebten Menschen so etwas passieren würde. Wenn er gezwungen ist das Gehen, sprechen und sogar fühlen völlig neu zu lernen. „Ihm helfen.“, „Ihn unterstützen wo es nur geht“, „Ihn in Watte packen.“, wären da wohl die ersten Intensionen. Aber ist das wirklich der richtige Ansatz? Wenn es nach Maggie geht, gibt es darauf nur eine richtige Antwort: „NEIN!“ Alles was sie sich nach der langen Zeit in Krankenhäusern, Rehakliniken und Therapiesofas wünscht ist Normalität. Endlich wieder ihren Lieblingspub besuchen und selbständig sein. Wobei allein Maggies Körper, besonders ihre demolierte Hüfte und ihr Präfrontaler Cortex, dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung machen. Und dann ist da auch noch ihrer Familie. Maggie weiß das diese es nur gut meint, aber sie hat deren ganze Bevormundung und das Mitleid einfach nur noch satt.
Doch in dem Meer aus mitleidigen und sorgenvollen Blicken begegnet sie plötzlich einem Augenpaar, dass sie so gänzlich anders betrachtet. Nicht wie ein schutzloses verwundetes Reh, sondern wie eine begehrenswerte Frau. Maggie fühlt sich endlich wieder wie die Version ihrer selbst, die ihr durch den Unfall genommen wurde. Eine Maggie, der nicht ständig die richtigen Worte fehlen und die immer wieder gegen plötzliche Gefühlswellen ankämpfen muss.
Aber zu wem gehören diese besonderen Augen? Tja, zu niemand geringerem als dem wohl letzten echten Gentleman England oder wir er eigentlich heißt: Thomas S. Walsh, Geschäftsführer und Inhaber des Dandelion’s Inn.
Ja ich weiß, bis hier hin klingt es wie eine klassische Liebesgeschichte in der der Gentleman das Unfallopfer trifft, sie wiederaufbaut und sich beide unsterblich ineinander verlieben. Sehr vorhersehbar nicht wahr? Doch genau damit seid ihr auf dem Holzweg. Es ist unglaublich doch Anne Goldberg schafft es tatsächlich ihre Leserschaft bis zur Hälfte des Buches, wenn nicht sogar darüber hinaus, auf eine völlig falsche Fährte zu locken. Die Wendung die das Buch gerade im letzten Drittel nimmt sorgt dafür, dass sich euer Puzzle im Kopf noch einmal völlig neu zusammensetzt, was aber nichts daran ändert, dass immer noch alles vollkommen Sinn macht.
Mich hat Anne Goldberg mit diesem Buch total überwältig und ich habe lange kein Buch mehr gelesen, was mich so sehr überrascht hat. Wenn ihr also mal wieder die Lust verspürt eine Liebesgeschichte zu lesen, bei der ihr nicht schon vor der Mitte das Ende kennt, dann ist „Remember when dreams were born“ meine absolute Top-Empfehlung für euch.
Natürlich ist das Buch an manchen Stellen nicht leicht zu lesen bzw. zu verstehen, gerade dann, wenn Maggie die richtigen Worte entgleite oder ihre Gefühle sie übermannen. Aber für mich wird das Buch dadurch nur noch authentischer. Die Geschichte gibt einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt eines Menschen der sich gerade völlig neu finden oder sogar erfinden muss. Für mich ist es dabei vollkommen verständlich, dass dieser Weg nicht immer frei von Stolpersteinen ist.
Ihr werdet hoffentlich verstehen, dass ich euch hier nicht verrat kann und will was die spannende und geheimnisvolle Wendung im Buch ist, aber trotzdem gebe ich euch zum Schluss zumindest einen kleinen Hinweis in Form eines meiner Lieblingszitate aus dem Buch:
„Ich hielt ihn fest, während ich begriff, was mein Therapeut meinte, und wovon er gewusst hatte, dass Tom es mir zeigen würde: Die Freude eines Wiedersehens, nachdem man fortgewesen war. 72 endlos lange Sekunden.“ (S. 290)